Pyoderma gangraenosum im Gesicht
– interdisziplinäre Wundversorgung trotz Sprachbarriere und Kachexie

Hinweis: Im folgenden Fallbeispiel finden Sie Fotos einer Wundbehandlung. Diese können für manche Betrachter:innen belastend wirken.

Dieses Fallbeispiel zeigt eine seltene, schmerzhafte Erkrankung, eine junge Patientin und eine komplexe Versorgungssituation im häuslichen Umfeld. Es verdeutlicht, wie durch konsequente Zusammenarbeit, sensible Materialwahl und patientenzentriertes Handeln selbst bei Pyoderma gangraenosum ein stabiler Heilungsverlauf möglich ist.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Seltene Erkrankungen stellen die Wundversorgung oft vor besondere Herausforderungen – medizinisch, organisatorisch und menschlich.

Das folgende Fallbeispiel beschreibt die Versorgung einer 25-jährigen Patientin mit Pyoderma gangraenosum im Bereich beider Wangen. Neben der schmerzhaften Wundsituation waren Unterernährung, eine Stoma-Neuanlage, vernarbte Hautareale und eine ausgeprägte Sprachbarriere zentrale Einflussfaktoren.

Für Sabine Ahac, Fachtherapeutin Wunde ICW® bei OPED Wundversorgung, war dieser Fall vor allem eines: „spannend, inspirierend und ermutigend“.

2. Unsere Wundexpertin: Sabine Ahac

Sabine Ahac ist gelernte medizinische Fachangestellte. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie zunächst in der Gesichts- und Kieferchirurgie, bevor sie über 17 Jahre in einem Sanitätshaus tätig war.

Dort betreute sie ein breites Spektrum – von Kompressionstherapie über Ernährungsberatung bis hin zur Wundversorgung. Diese interdisziplinäre Erfahrung prägt bis heute ihren ganzheitlichen Blick auf komplexe Versorgungen.

Sabine ist heute als Fachtherapeutin Wunde ICW® bei OPED Wundversorgung tätig. Über eine ehemalige Kollegin kam sie zu uns und fand hier ein strukturiertes, kooperatives Arbeitsumfeld, das ihr fachliches Handeln optimal unterstützt.

Fachtherapeutin Wunde ICW® Sabine Ahac von OPED Wundversorgung

3. Ausgangssituation

Die 25-jährige Patientin litt an Pyoderma gangraenosum, einer seltenen autoinflammatorischen Hauterkrankung, die häufig mit schmerzhaften, rasch progredienten Ulzerationen einhergeht.

Zusätzliche Faktoren erschwerten die Versorgung erheblich.

  • Kachexie (Unterernährung)
  • Stoma-Neuanlage
  • multiple vernarbte Hautareale.
  • beidseitige Wunden an den Wangen.
  • Fixierungsproblematik im Haarbereich
  • Sprachbarriere innerhalb der Familie

Zunächst wurden die Wunden mit sterilen, mit NaCl getränkten Kompressen abgedeckt und mit Folie fixiert. Das Problem dabei war, dass die Kompressen stark exsudierten, angetrocknet sind und bei jedem Verbandwechsel zu erheblichen Schmerzen führten. Die Angst vor der nächsten Versorgung wuchs.

Auch der Wechsel zu Polymem brachte keine nachhaltige Lösung, da die rosa Farbe der Auflage dazu führte, dass sich die Patientin im öffentlichen Raum stark exponiert fühlte. Ihr Schamgefühl nahm zu.

Hier wurde deutlich: Diese Wunde brauchte nicht nur ein funktionierendes Exsudatmanagement, sondern auch eine Lösung mit hoher psychosozialer Akzeptanz.

4. Therapieentscheidung

Die Ziele der Versorgung waren klar definiert.

  • Schmerzlinderung
  • effektives Exsudatmanagement
  • Infektionsprophylaxe
  • Förderung der Heilung
  • Reduktion des Schamgefühls

Zur Reinigung wurde leicht angewärmte Lavanox-Wundspüllösung eingesetzt. Die Patientin tolerierte diese sehr gut, ohne dass Schmerzen oder Brennen auftraten.

Als Primärauflage wurde Mepilex Transfer gewählt. Entscheidende Faktoren waren:

  • atraumatische Entfernung
  • gute Exsudatweiterleitung
  • unauffällige Farbgebung.
  • hohe Akzeptanz durch die Patientin.

Die Entscheidung wurde gemeinsam mit allen Beteiligten getroffen, was sich als zentraler Baustein des späteren Erfolgs herausstellte.

5. Behandlungsverlauf

Die Versorgung erfolgte dreimal wöchentlich sowie bei Bedarf im häuslichen Umfeld.

Die größte Herausforderung stellte die Kommunikation dar, da die Familie kein Deutsch sprach. Informationen mussten daher wiederholt, vereinfacht und teilweise nonverbal vermittelt werden. Trotz der Unterernährung – die Patientin erhielt ergänzend zeitweise hochkalorische Trinknahrung – zeigte sich im Verlauf eine stabile Entwicklung.

Die Behandlungsdauer betrug insgesamt 13 Monate.

Behandlungsverlauf in Bildern

1
Deutlich sichtbare entzündliche Hautveränderung im Wangenbereich bei Pyoderma gangraenosum. Die Erkrankung zeigt sich häufig durch schmerzhafte, flächige Ulzerationen mit ausgeprägter Rötung.

Februar

Deutlich sichtbare entzündliche Hautveränderung im Wangenbereich bei Pyoderma gangraenosum. Die Erkrankung zeigt sich häufig durch schmerzhafte, flächige Ulzerationen mit ausgeprägter Rötung.

2
Seitliche Ansicht der betroffenen Gesichtspartie im frühen Verlauf. Besonders bei sichtbaren Körperstellen

März

Seitliche Ansicht der betroffenen Gesichtspartie im frühen Verlauf. Besonders bei sichtbaren Körperstellen stellt die Erkrankung neben der körperlichen Belastung auch eine enorme psychische Herausforderung dar.

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Seitliche Ansicht der betroffenen Gesichtspartie im frühen Verlauf. Besonders bei sichtbaren Körperstellen stellt die Erkrankung neben der körperlichen Belastung auch eine enorme psychische Herausforderung dar.

März

Fortschreitende Ausprägung der entzündlichen Läsion mit deutlicher Gewebereaktion. Pyoderma gangraenosum kann sich rasch verändern und erfordert eine engmaschige, individuell angepasste Versorgung.

4
Fortschreitende Ausprägung der entzündlichen Läsion mit deutlicher Gewebereaktion. Pyoderma gangraenosum kann sich rasch verändern und erfordert eine engmaschige, individuell angepasste Versorgung.

März

Beginnender Heilungsverlauf unter strukturierter Wundtherapie. Eine konsequente interdisziplinäre Betreuung ist entscheidend, um Schmerzen zu reduzieren und die Wundstabilisierung zu fördern.

5
Beginnender Heilungsverlauf unter strukturierter Wundtherapie. Eine konsequente interdisziplinäre Betreuung ist entscheidend, um Schmerzen zu reduzieren und die Wundstabilisierung zu fördern.

April

Weitere Abheilung mit sichtbarer Rückbildung der entzündlichen Aktivität. Der Verlauf zeigt, dass auch bei seltenen Erkrankungen durch Geduld, angepasste Therapie und enge Zusammenarbeit positive Entwicklungen möglich sind.

6. Ergebnisse

Der Verlauf war bemerkenswert:

  • Die Wunden blieben durchgehend keimfrei
  • Die Wundflächen verkleinerten sich kontinuierlich
  • Die Epithelisierung schritt sichtbar voran
  • Die Exsudation war kontrollierbar
  • Die Patientin entwickelte Vertrauen

Vor allem aber verschwand die Angst vor den Verbandwechseln. Schmerzen traten nicht mehr auf.

Sabine beschreibt einen Moment besonders eindrücklich:  „Im Zimmer hing ein Foto von ihr – aufgenommen vor ihrer Erkrankung. Zu sehen war eine junge, strahlende Frau. Was mich beeindruckt hat, war ihre Stärke. Trotz allem hat sie nie aufgegeben.“

7. Praxisrelevanz & Lessons Learned

Dieser Fall verdeutlicht mehrere zentrale Aspekte der modernen Wundversorgung:

  • Die Materialwahl beeinflusst nicht nur den Heilungsverlauf, sondern auch die psychosoziale Akzeptanz.
  • Sprachbarrieren erfordern Geduld, Struktur und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
  • Kontinuität ist wichtiger als häufiger Materialwechsel.
  • Unterernährung ist ein relevanter, aber nicht allein entscheidender Prognosefaktor.

Sabines wichtigste Erkenntnis:

„Eine durchdachte Therapie, klare Anleitung und gute Zusammenarbeit führen auch unter schwierigen Bedingungen zum Erfolg.“

8. Bedeutung im Kontext seltener Erkrankungen

Pyoderma gangraenosum ist eine seltene Erkrankung, die häufig spät erkannt oder falsch eingeschätzt wird.

Dieser Fall zeigt exemplarisch:

– Wie wichtig interdisziplinäre Abstimmung ist.

– Wie entscheidend psychosoziale Faktoren sind.

– Wie viel Stabilität durch strukturierte Begleitung entstehen kann.

9. Fazit

Der wichtigste Erfolg war nicht allein die Wundheilung. Es war die wiedergewonnene Sicherheit der Patientin. Ihre Akzeptanz. Ihr Wohlgefühl.

Dieser Fall zeigt: Selbst bei komplexen, seltenen Erkrankungen kann durch konsequente Zusammenarbeit, strukturierte Versorgung und Geduld ein stabiler Heilungsverlauf erreicht werden.

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